Unternehmen zwischen Tradition und Moderne – Einblicke in deutsche Unternehmensführung

Im Juni dieses Jahres absolvierten 20 Unternehmer aus verschiedenen KMU Usbekistans ein vierwöchiges Managerfortbildungsprogramm zur Wirtschaftskooperation an der DMAN. Genau wie ihre Landsleute im Jahr zuvor waren sie sehr an Fragen zum Personalmanagement und der Unternehmensführung interessiert. Während der Trainings in Celle hatten die Teilnehmer Gelegenheit, sich ausführlich mit unseren Experten zu diesen Schwerpunkten auseinanderzusetzten. Nichts konnte aber die praktische Anschauung während der Unternehmensbesuche ersetzen. So unterschiedlich die Gruppe zusammengesetzt war, so verschieden waren auch die besuchten Unternehmen. Diese Mischung kam gut an.       

Zioda Khudaybergenova bezeichnete die Firma BOGE Kompressoren in Bielefeld als ein Superbeispiel für ein erfolgreiches modernes Familienunternehmen mit Geschichte und Tradition. „Hier wurden uns die Besonderheiten des deutschen Unternehmertums und der deutschen Geschäftskultur besonders anschaulich dargestellt.“ Überall wurde deutlich, dass die Familie hinter dem Unternehmen steht und alle Mitarbeiter quasi als Familienmitglieder sieht. „Das schafft ein Gemeinschaftsgefühl, das sich nicht nur auf die Motivation der Mitarbeiter positiv auswirkt, sondern auch eine besondere, warme Atmosphäre im Unternehmen schafft.“ Beeindruckt hat Zioda auch, dass die Chefs den direkten Kontakt zu den Mitarbeitern pflegen und sich nicht „in ihren Büros verstecken“. Die Qualität der Produkte ist für das Unternehmen eine Selbstverständlichkeit und längst kein USP mehr. Daher setzt BOGE auf innovative Produkte und auf den After-Sales-Service, um die Kunden zu binden.

Der Leiter einer Werbeagentur aus Taschkent, Ravshan Abduganiev, freute sich auf den Besuch bei seinen deutschen Kollegen von wirDesignin Braunschweig.Er wollte wissen, wie eine deutsche Werbeagentur funktioniert und welchen Wert Markenführung für deutsche Unternehmen darstellt. Sein Fazit: „Die Kreativität beginnt hier bereits mit der Gestaltung der Büros und der Auswahl des Ortes (einer alten Fabrik) für den Firmensitz. Gleitzeit und ziemlich viel „Bewegungsfreiheit“ für die Mitarbeiter lassen Raum für Kreativität. Interessant auch, dass hier der Chef selbst für Akquisition und Kundenmanagement zuständig ist. Für unsere Verhältnisse doch eher untypisch.“ Darüber hinaus überzeugte sich Ravshan, wie wichtig Corporate Identity für die deutschen Unternehmen ist und wie intensiv daran gearbeitet wird. Als Werbefachmann stellte er einen interessanten Unterschied aus gestalterischer Sicht fest: „Während wir in Usbekistan mehr auf bunte Farben und dynamische 3D-Animationen setzen, werden in Deutschland eher ruhigere Farben, strengere Formen und flachere Animationen bevorzugt. Da ich meine Dienstleistungen gerade im Bereich Animation deutschen Agenturen anbieten möchte, war das für mich eine sehr wichtige Erkenntnis.“

Aus der Bandbreite der besuchten Unternehmen war für Alisher Shakirov  die  Decontec, ein spezialisierter Just-in-time-Lieferant von Metallteilen, „das Unternehmen schlechthin“. Die „kleine Firma“ hat ihn mit ihrer Produktion, ihren Produkten und besonders durch die Offenheit des Geschäftsführers ins Schwärmen gebracht: „Er hat uns Einblicke in jeden Bereich, in jede Ecke des Unternehmens gewährt, was bei großen Firmen einfach nicht vorstellbar wäre. Besonders interessant war die Software, mit der die CNC-Anlagen programmiert werden, und die Software, mit der die Aufträge abgewickelt werden. So kann der Kunde den Preis bereits im Telefongespräch erfahren!  Das ist genau das, was wir in unseren Unternehmen benötigen! So ein Kundenmanagementsystem würde unsere Arbeit ums Zehnfache effektiver machen.“ Die aufgezeigten Verkaufs- und Marketingmethoden haben die Jungunternehmer aus Usbekistan begeistert.

Nachhaltige Wirkungen bei den Teilnehmern hinterließen nicht zuletzt auch die Automobilhersteller MAN Truck & Busin Salzgitterund Volkswagenin Wolfsburg.  Saidov Oybek betonte, dass man MAN nicht vorstellen müsse, das Unternehmen ist weltbekannt, insbesondere auch in Usbekistan. Besonders beeindruckend fand man die gesamte Arbeitsorganisation auf höchstem Niveau, die Sauberkeit der Arbeitsplätze und die Motivation der Mitarbeiter. Oybek staunte: „Die Mitarbeiter bleiben dem Unternehmen fast ihr ganzes Leben treu, so wie unser Referent, der uns durchs Werk führte, obwohl er bereits im Ruhestand ist. Das spricht für eine hohe Bewusstheit der Mitarbeiter, die den Arbeitgeber und die tollen Arbeitsbedingungen schätzen. Andererseits ist der Arbeitgeber auch daran interessiert, die Mitarbeiter so lang wie möglich zu halten. Vielleicht ist das auch das Geheimnis der hohen Motivation hier – und nicht nur die guten Gehälter. Darüber sollten wir in Usbekistan weiter nachdenken.“  

Die Gruppe war sich einig: Der Besuch im VW-Werk in Wolfsburg war eindeutig die Quintessenz des gesamten Programms. „Hier haben wir all das, was wir bei anderen Unternehmen gesehen haben, in einer Perfektion und Dimension erlebt, die es wahrscheinlich nirgendwo anders gibt. Es ist ein riesiges Werk mit über 50.000 Mitarbeitern, dabei haben wir bei der Werkstour gar nicht so viele Leute gesehen, denn der Automatisierungsgrad liegt in einigen Bereichen bei 98%. Die Arbeit der Roboter ist einfach faszinierend. Dieses Werk ist wie eine Kleinstadt innerhalb einer Stadt, die haben sogar einen eigenen Rettungsdienst und Notarzt! Es ist einfach unglaublich, wie alles in einem perfekten Zusammenklang funktioniert und alle 18 Sekunden ein neues Auto das Fließband verlässt.“ Das war Industrie 4.0 auf den Punkt gebracht.